Beinlängendifferenz: Kapitel 2

Was genau wird darunter verstanden?

Der Begriff der unterschiedlichen Beinlänge bzw. der Beinlängendifferenz wird in den verschiedenen medizinischen Fachbereichen unterschiedlich gemessen und interpretiert.  Zur weiteren Differenzierung haben sich davon ausgehend verschiedene Subbezeichnungen entwickelt, eine allgemein in der Praxis anerkannte Strategie liegt jedoch nicht vor. Grundsätzlich muss berücksichtigt werden, dass die Beinlänge in der körperlichen Untersuchung nur anhand äußerlicher Landmarken beurteilt wird. Die tatsächliche anatomische Beinlänge kann so nicht bestimmt werden. 

Beinlängendifferenz (allgemeine):

In der Regel wird ein seitlicher Schiefstand des Beckens im Stehen oder ein unterschiedlicher Stand der Innenknöchel im Liegen als Beinlängendifferenz bezeichnet. Die Größe der Differenz wird dabei durch das Ausmessen äußerer Landmarken am Becken oder die Beckenwaage bestimmt:
Direkt: Gemessen wird im Liegen die Distanz zwischen Spina iliaca anterior superior und Innen-oder Außenknöchel, wobei die Messung am Kniegelenkspalt für Ober-und Unterschenkellänge unterteilt werden kann.
Indirekt: Die Messung erfolgt im Stehen durch Prüfung auf Beckengeradstand mit der Beckenwaage mit einer Brettchenunterlage von unterschiedlicher Dicke unter das verkürzte Bein.

Einschränkung: Dieser allgemeinen Beurteilung liegt die Annahme zu Grunde das Oberschenkel, Hüftkopf, Beckenschaufel mit Beckenkamm, Kreuzbein und die verbindenden Gelenke symmetrisch entwickelt sind. In eigenen Untersuchungen konnten wir aber nachweisen dass sich  nur in der Hälfte aller Fälle eine übereinstimmende Symmetrie findet. Äußere Messungen am Becken und Unterschenkel sind zudem mit einem Messfehler von bis zu 2 cm verbunden.

Reelle,  „echte“, knöcherne oder anatomische Beinlängendifferenz:

Dies bezeichnet den tatsächlich messbaren Längenunterschied des Ober-und Unterschenkels. Ursachen können unterschiedliches Wachstum des Ober- oder Unterschenkelknochens sein. Tatsächliche (anatomische) Beinlängendifferenzen können auch als Folge einer jugendlichen Wachstumsstörung, nach Unfall, Knochenbruch oder im Rahmen einer Arthrose entstehen.  Sie sind nur mit technischen Methoden (Ultraschall, Röntgen, Kernspin- oder Computertomographie) meßbar.

Funktionelle Beinlängendifferenz:

Dies bezeichnet einen Beckenschiefstand bei gleicher anatomischer Beinlänge.
Ursachen können Verwringungen, Verdrehungen oder Blockierungen des Beckens sein.  Auch einseitige Verkürzungen der Muskeln oder Sehnen, z.B. eine einseitige Hüftbeugung bei einer Hüftarthrose können einen Beckenschiefstand bewirken. Gelegentlich sind auch einseitige Fußgewölbestörungen (Plattfuß), Arthrosen an Hüfte, Knie oder Fuß für eine funktionelle Beinlängendifferenz verantwortlich.

Variable Beinlängendifferenz:

Bei dieser Definition wird die Länge der Beine anhand der Position der Innenknöchel im Liegen und die Veränderung dieser Positionierung im Aufsitzen in den Langsitz („Aufsitzversuch“) beurteilt.
Variabel deshalb, weil die Position der Innenknöchel sich beim Aufsetzen unterschiedlich verschieben kann und dann in der Sitzposition ein anderes Verhältnis (ein Innenknöchel weiter unten oder oben) möglich ist.

Einschränkung: Da dieser Test jedoch zu einem wesentlichen Teil von der Liegeposition des Beckens zu Beginn der Untersuchung, der Beweglichkeit des Becken und der unteren Lendenwirbelsäule abhängig ist, liefert er keine sicheren Aussagen. Im Gegenteil, dieser Test wird oft genutzt, um scheinbare Verbesserung der Beinlänge nach einer Behandlung zu beweisen, eine tatsächliche Veränderung der anatomischen Beinlänge ist aber natürlich nicht möglich.
Seine Berechtigung hat der Test in der manual-medizinischen Überprüfung der Becken- und Hüftbeweglichkeit und zur unterstützenden Diagnostik bei Blockierungen des Becken oder unteren Lendenwirbelsäule. 

Funktionell wirksame Beinlängendifferenz (FBLD)

In unserer Praxis hat sich der Begriff der funktionell wirksamen Beinlängendifferenz bewährt. Im Vordergrund steht hier die biomechanische Auswirkung einer unterschiedlichen Beinlänge oder Beckenasymmetrie auf das Kreuzbein und die Wirbelsäule. Denn nur wenn die unterschiedliche Beinlänge zu einer relevanten Fehlstellung (Skoliose oder Rotation) führt sollte eine Behandlung geringer Beinlängendifferenzen erfolgen. Für die Beurteilung der funktionell wirksamen Beinlängendifferenz ist deshalb primär die Stellung des Kreuzbeines oder der unteren Lendenwirbelsäule (5. Lendenwirbel) bedeutsam. Bei einem Schiefstand kann eine seitliche Verbiegung der Wirbelsäule zur Seite des kürzeren Beines, (Fachbegriff Skoliose) entstehen.
Im Gegensatz dazu steht die Beinlängendifferenz ohne funktionelle Auswirkung, hier ist das Kreuzbeinplateau horizontal und es entsteht keine seitliche Verbiegung der Wirbelsäule. Damit auch keine asymmetrische Belastungen. Ein Höhenausgleich des kürzeren Beines würde in dieser Situation eine Verschlechterung der Haltung bewirken und sollte deshalb in der Regel nicht durchgeführt werden.

Fazit

Die Diagnose einer unterschiedlichen Beinlänge kann sehr unterschiedlich Situationen beschreiben. Bei einer Behandlung sollte primär die Auswirkung auf die Wirbelsäule berücksichtigt werden.

 

Quellen: Wirth/Mutschler-Praxis der Orthopädie und Unfallchirurgie, Niethard/Pfeil-Orthopädie-Duale Reihe, Breusch/Mau/Sabo-Klinikleitfaden Orthopädie

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