Beinlängendifferenz: Kapitel 4

richtig messen macht den Unterschied

Je nachdem wer Sie als Patient untersucht (Arzt, Heilpraktiker, Physiotherapeut) und welche zusätzliche Ausbildung der Untersucher hat, werden unterschiedliche Methoden zur Überprüfung der Beinlänge herangezogen. In der Regel erfolgt die Messung durch verschiedene Tests im Rahmen der körperlichen Untersuchung, oft aber leider auch nur nach „Daumenmaß“.

Zusätzlich zu der Untersuchung im Stehen kann auch die Länge der Beine anhand der Position der Innenknöchel im Liegen und die Veränderung dieser Position beim "Aufsitzversuch" beurteilt werden.

Bei einer äußerlichen Messung der Beinlänge wird z.B. der Abstand vom Außenknöchel am Fuß bis zum seitlichen Beckenkamm oder dem großen Rollhügel , einem knöchernen Vorsprung außenseitig am Hüftgelenk, gemessen. Studien haben jedoch nachgewiesen dass diese äußere Messung mit einem Maßband anhand anatomischer Landmarken doch mit einer erheblichen Varianz und einem Messfehler von bis zu 2 cm verbunden ist. Auch die Messung über die „Beckenwaage“ ergibt nur einen Anhaltspunkt und ist mit einer größeren Varianz versehen. Bei nicht symmetrischer Entwicklung der anatomischen Strukturen, z.B. einem unterschiedlich großen seitlichen Beckenknochen kann eine unterschiedliche Beinlänge nur vorgetäuscht werden.

In einer eigenen Studie konnten wir nachweisen dass nur in der Hälfte der Fälle der äußere Eindruck mit den zu erwartenden Auswirkungen im Bereich der Wirbelsäule oder des Beckens einherging.

In einigen Fällen fand sich bei genauer Untersuchung sogar ein gegenteiliger Befund. Hätte man sich hier auf den äußerlichen Eindruck verlassen wäre das längere Bein durch die Einlage weiter erhöht worden. Dass diese Behandlung dann nicht vertragen wird wundert also nicht.
Äußere Messmethoden lassen somit nur einen ungefähren Rückschluss auf die tatsächliche Beinlänge zu untere sollten immer kontrolliert, gegebenenfalls auch mit einem Röntgenbild verglichen werden.

Die tatsächliche (knöcherne oder anatomische) Beinlänge kann nur mit radiologischen Methoden (Röntgen, Kernspin- oder Computertomografie) genau ausgemessen werden. Sie bemisst sich vom höchsten Teil des Oberschenkelkopfes bis zum Unterrand des großen Unterschenkelknochens (Tibia). In unserer Praxis ist auch die strahlenfreie Messung der knöchernen Beinlänge über ein Ultraschallsystem möglich.

In der alltäglichen Praxis sollte zunächst überlegt werden zu welchem Zweck die Untersuchung durchgeführt werden soll. Meistens stehen die Auswirkungen einer unterschiedlichen Beinlänge, wie Schmerzen oder Fehlhaltung im Vordergrund. Nur selten, bei einem unterschiedlichen Beinlängenwachstum Jugendlicher, nach einem Unfall  oder vor bzw. nach einer Knie- oder Hüftoperation ist die anatomische Beinlänge relevant.

Aus ärztlicher Sicht ist die Auswirkung der unterschiedlichen Beinlänge auf den Beckenstand, das Hüftgelenk und die Ausrichtung der Lendenwirbelsäule von vorrangiger Bedeutung. Hierfür müssen neben der eigentlichen Beinlänge auch die Beinachse, die Füße und vor allem Oberkörper- und Kopfhaltung gemessen werden. Bei auffälligen Auswirkungen und Fehlhaltungen bezeichnen wir diese Seitendifferenz als funktionell wirksame Beinlängendifferenz (FBLD). Da die Ergebnisse der äußeren, manuellen Untersuchung erheblich variieren können ist eine genaue Überprüfung der Beinlänge und ihrer Auswirkung nur mit ergänzenden technischen Untersuchungen möglich. Damit alle Strukturen ausreichend beurteilt werden können, andererseits aber Strahlenbelastungen wie sie z.B. im Röntgen auftreten, nicht unnötig entstehen, empfiehlt es sich verschiedene Untersuchungsmethoden zu kombinieren.

Voraussetzung für jede technische Untersuchung sollte immer die ausführliche ärztliche Untersuchung der Körperhaltung im Stehen, Gehen und Liegen sein. Zusätzlich ist eine gezielte Prüfung der beteiligten Gelenke (u.a. Hüfte, Knie, Fuß) erforderlich. Bereits hier kann der erfahrene Untersucher mit speziellen Tests herausfinden, inwieweit aufgrund der unterschiedlichen Beinlänge Ausweichmuster oder muskuläre Dysbalancen entstanden sind. Aber auch eine Arthrose des Hüft-, Knie- oder Sprunggelenkes kann eine unterschiedliche Beinlänge hervorrufen und so festgestellt werden.

Bei Verdacht auf eine relevante, (d.h. > 1 cm) unterschiedliche Beinlänge, sollte dann zunächst entweder eine strahlenfreier 4D-Haltungsuntersuchung oder eine Röntgenuntersuchung unter standardisierten Bedingungen im Stehen erfolgen.

Für die exakte Beurteilung der Auswirkung der unterschiedlichen Beinlänge ist eine spezielle Röntgenuntersuchung des Beckens in einer bestimmten Fuß- und Beinposition im Stehen erforderlich. Sollte der Verdacht einer Wirbelsäulenverdrehung (Skoliose) bestehen, ist es zusätzlich eine Röntgenuntersuchung der Wirbelsäule im Stehen möglich. Alternativ kann, insbesondere bei Kindern, zunächst eine Ultraschallmessung der Beinlänge erfolgen.

WICHTIG: Auf den im Stehen durchgeführten Röntgenbildern kann, wenn auf eine exakte Position und Ausrichtung der Beine während der Aufnahme geachtet wurde, die Auswirkung der Beinlänge auf den Beckenstand und die Beckenknochen selbst beurteilt werden. Röntgenaufnahmen im Liegen können in dieser Hinsicht nicht ausgewertet werden!

Erst in der Betrachtung aller Untersuchungsergebnisse, dem fachkundigen äußeren Untersuchungsbefund des Becken und der Körperstatik, eine äußerliche Wirbelsäulenhaltungs- und Körperschwerpunktvermessung, ggf. auch um eine Ultraschall- oder Röntgenuntersuchung kann entschieden werden, welche Bedeutung Beinlänge und Beckenstand haben und ob ein Ausgleich z.B. durch eine Einlage erforderlich ist oder lieber unterbleiben sollte. Bei dementsprechend korrekt durchgeführter Untersuchung kann es dann auch durchaus sinnvoll sein, schon kleinere Unterschiede (zwischen 5mm und 10mm) mit einer haltungskorrigierenden Einlage zu verbessern, um einseitige Überbelastungen der kleinen Wirbelgelenke und Bandscheiben zu reduzieren bzw. ganz zu vermeiden.

Nicht selten berichten uns Patienten, dass bereits eine unterschiedliche Beinlänge festgestellt wurde, ein Ausgleich jedoch nicht vertragen wurde. Die Untersuchung zeigt dann oft, dass anhand der äußeren Untersuchung ein falsches Bild entstand und so retrospektiv nachvollziehbar der Ausgleich nicht vertragen wurde.

In unserer Praxis hat sich das folgende Vorgehen bei einem Verdacht auf unterschiedliche Beinlänge bewährt:

  • Ausführliche körperliche Untersuchung der Wirbelsäule, Körperhaltung, Beweglichkeit im Stand und Gang. Untersuchung der Hüft-, Knie und Sprunggelenke sowie der Füße im Seitenvergleich. Überblickender Check der Kiefergelenke. Manualtherapeutische Untersuchung der Iliosakralgelenke. Muskel- und Bändertest des Ober- und Unterschenkel.
  • Bei unauffälligem Befund zunächst strahlenfreie und ungefährliche 4D-Haltungsuntersuchung. Sollten sich hier Auswirkungen einer unterschiedlichen Beinlänge auf Becken, Oberkörper, Arme oder Nacken darstellen kann eine ebenfalls strahlenfreie Ultraschallvermessung der Beinlänge erfolgen.
  • Bei auffälligen Befunden in der körperlichen Untersuchung ist ggf. erst eine weitere spezifische Diagnostik erforderlich. Bei Arthrose der Gelenke empfiehlt sich nach der Ultraschalldiagnostik zumeist auch eine, am besten digitale, Röntgenuntersuchung. Diese sollte unbedingt im Stehen erfolgen um gleichzeitig die Beinstatik zu beurteilen.
  • Besprechung der Untersuchungsergebnisse zwischen Arzt und Patient. Hier wird gemeinsam festgelegt ob und welche Therapie erfolgen soll. Werden Einlagen für den Sport benötigt? Sollten zusätzlich Fußgewölbeschwächen mit berücksichtigt werden? Ist zusätzlich Krankengymnastik erforderlich? Sollten bestimmte Muskeln gedehnt oder gekräftigt werden?

Fazit

Bei Verdacht auf eine unterschiedliche Beinlänge sollte immer erst eine ausführliche Untersuchung durch einen erfahrenen Arzt erfolgen. Die grobe Einschätzung der Beinlänge anhand äußere Befunde oder nach Daumenmaß ist mit einer erheblichen Fehlerquote verbunden und nicht zu empfehlen. Für ein optimales Ergebnis und die bestmögliche individuelle Therapiestrategie hat sich die Kombination verschiedener Untersuchungsverfahren bewährt.

Zum Seitenanfang